Die neurophysiologischen und biologischen Grundlagen des Traums

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Physiologische Grundlagen des Schlafs

Um das Phänomen des Träumens zu verstehen, ist es notwendig, zunächst die physiologischen Grundlagen des Schlafs in Grundzügen darzustellen. Der Schlaf macht ein Drittel unseres Daseins aus; wir erholen uns durch ihn von den anderen zwei Drittel unseres Daseins. Grob lässt sich der Schlaf einteilen in einen mehr passiven, gewöhnlichen, langsamen Schlaf, der auch orthodox genannt wird und der bisher als traumlos angesehen wurde und in einen mehr aktiven Schlaf, der als schnell bezeichnet wird, weil in ihm schnelle Augenbewegungen vorkommen. Er heißt auch paradoxal und man nahm bisher an, dass nur in dieser Phase geträumt werde.

Um die Schlafstadien im Laufe der Nacht darzustellen, gibt es verschiedene Arbeitstechniken.

Das Elektroenzephalogramm (EEG) beschreibt die Vorgänge der elektrischen Tätigkeit des Gehirns. Elektroenzephalogramm steht für Hirnstromableitung. Durch ein im Schlaf abgeleitetes EEG erhält man indirekt Einblicke in tiefere Schichten des Gehirns. Dazu werden zahlreiche Elektroden auf den Schädel des Patienten gelegt.

Gemäß dieser bioelektrischen Hirntätigkeit unterscheidet man folgende Schlafstadien:

A) Übergangsstadium, Ermüdungsstadium

B) Einschlafstadium, leichtester Schlaf

C) leichter Schlaf

D) mittlerer Schlaf

E) Tiefschlaf

Für die Einteilung sind die sogenannten Alpha-Wellen wichtig. Bei einer psychischen Anspannung, beim intensiven Denken, verschwinden die Alpha-Wellen im EEG, sie verkleinern sich zumindest in ihrer Amplitudenhöhe und beschleunigen sich gleichzeitig. (Siehe auch Abb. 4)

Bei einer Entspannung dagegen treten die Alpha-Wellen stärker hervor, sie werden größer und langsamer. Im Stadium B werden sie so langsam, dass sie praktisch verschwunden sind. Normalerweise schwankt die Frequenz der Alpha-Wellen von 8-13/sec.

Man kann aufgrund dieser Alpha-Wellen nicht nur 50 Stufen der Wachheit unterscheiden, sondern auch die Schlafstadien A-E noch einmal unterteilen in vier weitere Substadien.

Einen entscheidenden Durchbruch erlebte die Schlafforschung durch die Entdeckung des sogenannten REM-Schlafes (1953). REM steht für Rapid Eye Movement . Ganz neu ist dieser REM-Schlaf nicht, schon die alten Griechen beobachteten rollende Augenbulbi bei Hunden während des Schlafes. Das sogenannte Elektrooculogramm (EOG) lässt mindestes drei Typen von Augenbewegungen im Schlaf erfassen, die sich hauptsächlich in der Frequenz unterscheiden:

1) träge Augenbewegungen (0,5-1 mal in der Minute)

2) Slow Eye Movements ( 0,5 - 0,25 pro Sekunde), langsame oder SEM-Bewegungen genannt

3) Rapid Eye Movements (1 pro Sekunde), rasche Augenbewegungen ( 1 pro Sekunde); bisher als die eigentlichen Traumphasen bezeichnet.

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Abb. 2: Aus Jovanovic S. 51

Schlaflage und Schlafmotorik

Beim Einschlafen kommt es zu feinen Zuckungen der Glieder und des Rumpfes. Im Durchschnitt dreht sich der Erwachsene im Schlaf 1,5-5 mal um. Nur der Tiefschlaf ist fast frei von Bewegungen.

Herz- und Atemfrequenz

Rund 20 Minuten nach dem Einschlafen zeigt sich eine stärkere Senkungstendenz der Herzfrequenz. Die niedrigste Herzfrequenz tritt nach einem 7-stündigen Schlaf ein. Ähnlich verhält es sich mit der Atemfrequenz.

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Abb. 4: Aus Jovanovic S. 5, EEG: Elektroenzephalogramm, EOG: Elektrooculogramm, EMG: Elektromyogramm, EKG: Elektrokardiogramm, EDG: Elektrodermatogramm: Die biolektrische Hautaktivität ist am größten im Tiefschlaf. PLG: Phallogramm

Man geht allgemein von 5 Schlafperioden aus:

I: 90- 120 Minuten

II: 70-110 Minuten

III: 60-100 Minuten

IV: 60-90 Minuten

V: 40-80 Minuten

zusammen: 7,5-8 Stunden

Jede Schlafperiode besteht einerseits aus einer Schlafvertiefungsphase und Schlafverflachungsphase (Sub-Aufwachphase) und andererseits aus REM- und Non-REM-Phasen. Die Unterteilung des nächtlichen Schlafes in REM- und Non-REM-Phasen ist für die Traumforschung besonders wichtig geworden, weswegen auch die Unterschiede hier dargestellt werden sollen:

REM-Schlaf

- eher bildhaft, lebhaft, gelegentlich bizarr, mit vielen Emotionen und Symbolen

- hat zumeist eine größere Bedeutung für den Träumer und kann nach dem Aufwachen besser erinnert werden

psychoanalytisch: eher primärprozesshaft

Non-REM-Schlaf

- eher gedanklich, verbal, rational begrifflich, realitätsorieniert, mit wenig Emotionen

- hat eine geringere Bedeutung für den Träumer

psychoanalytisch: eher sekundärprozesshaft

(aus Mertens)

Ein typisches Schlafprofil eines jungen Erwachsenen wird nun vorgestellt:

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Abb. 6: (aus Schredl S.) Schlafprofil eines gesunden Erwachsenen (W = wach, R = REM, 1 = Einschlafstadium, 2 = normaler Schlaf, 3,4 = Tiefschlaf, MT = Körperbewegeung, C = Körperzuckung)

Es beginnt nach einer Wachphase mit dem Non-REM-Stadium 1 und geht dann über das Non-REM-Stadium 2 in den Tiefschlaf über (NREM-Stadien 3 und 4). Nach ungefähr 70 Minuten tritt die erste REM-Phase auf; dann beginnt der Zyklus von neuem (hier insgesamt fünfmal). Der Tiefschlaf nimmt dabei im Verlauf der Nacht ab, während die REM-Phasen länger werden. Ab und zu unterbrechen kurze Wachphasen oder Körperbewegungen das Schlafprofil. Außer den schnellen Augenbewegungen und der Traumaktivität ist der REM-Schlaf noch durch eine erhöhte Variabilität von Herz- und Atemfrequenz gekennzeichnet. Weiterhin wird hier die Körpertemperatur nur mangelhaft geregelt (Verirrte Wanderer sollten nicht einschlafen!). Man weiß heute, dass der Non-REM-Schlafzyklus von Nervenzentren im Hirnstamm gesteuert wird.

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Abb. 7a: Längsschnitt durch das Gehirn

Geschichte der Traumdeutung

Vor 100 Jahren erschien Sigmund Freuds Buch "Die Traumdeutung". Danach sind Träume symbolisch verschlüsselte Tiefenbotschaften des Unbewussten. In den scheinbar sinnlosen und rätselhaften Traumproduktionen finden sich abgewehrte Sinnzusammenhänge, die in einen sinnhaften Bedeutungshorizont eingegliedert werden können. Der Traum stellt nach Freud den Versuch einer Wunscherfüllung dar, wobei der Wunsch durch seine Verkehrung ins Gegenteil verschlüsselt sein kann. Nach Freud kommen dabei im Träumen unterdrückte Kindheitswünsche versteckt zum Ausdruck. Den phylogenetischen Aspekt der Trauminhalte betont C. G. Jung. Nach Carl Gustav Jung ist der Traum nicht selten auch Mitteilung des kollektiven Unbewussten, in dem sich kulturelle Archetypen, Vor- und Leitbilder der Menschheit über Generationen hinweg immer wieder Geltung verschaffen. Auch konfrontiert uns nach Jung der Traum v.a. mit dem im Tagesgeschehen vernachlässigten Aspekten unseres Selbst.

Seit 1950 wissen wir, was sich im Gehirn des träumenden Menschen abspielt. Seit der Entdeckung des REM-Schlafes galt die Traumtheorie von Freud, aber auch von Jung, unter Neurobiologen praktisch als widerlegt. Man ging davon aus, dass Träume das Ergebnis einer chaotischen Reaktion höherer Gehirnregionen auf neuronale Reize sind, die während der REM-Phase vom Hirnstamm ausgesendet werden.

1980 wird von Francis Crick und Hobson die Anschauung vertreten, dass die neurophysiologischen Elektronengewitter nur dazu dienten, die zerebralen Leitungen von Tagesschlacken zu reinigen. Trauminhalte hätten keinerlei psychische Bedeutung. So fliegen z. B. Menschen im Traum, weil im REM-Schlaf die motorischen Areale im Kleinhirn erregt werden.

Die Rettung für eine psychoanalytische Traumtheorie kam ausgerechnet von einem amerikanischen Neurophysiologen, der auch Psychoanalytiker ist. Shevrin war aufgrund seiner Experimente zu dem Ergebnis gekommen, dass das Unbewusste auch die Funktion eines Abwehrmechanismus hat. Und Mark Solms Untersuchungen sprechen nicht nur gegen eine rein physiologische Verursachung des Träumens; sie enthalten sogar starke Hinweise auf die Richtigkeit von Freuds Vermutung, dass Wünsche die Triebkraft der Träume sind.

So zeichnet sich 100 Jahre nach Freuds "Traumdeutung" eine erneute Wende ab. Jenseits von Traumromantik einerseits und Biologismus andererseits wird eine Synthese aus Biologie und Psychologie versucht.

Die Komponenten des Traums

Die Physiolgische Traumkompontente

Desynchronisierung der Hirnwellen

(siehe auch Abb. 4)

Schon beim Beginn der jeweiligen Phase des paradoxalen Schlafes (REM-Phase) kommt es zu einer kritischen Abflachung der Hirnwellen: Delta-Wellen. Die Hirnwellen, die in den REM-Phasen auftreten, lassen gewisse Ähnlichkeiten des Traumes mit dem Wachsein erkennen:

a) Wie im Wachsein ist die Hirnaktivität während des Traumes schneller als im Non-REM-Schlaf, aber nicht so schnell wie im Wachsein.

b) Ebenfalls wie im Wachsein lässt sich im eigentlichen Traumschlaf (REM-Schlaf) eine intensive psychische Tätigkeit nachweisen.

Aber zwischen Wachsein und Traumschlaf (REM-Schlaf) gibt es auch Unterschiede:

a) Die Hirnpotentiale im REM-Schlaf sind sehr konstant. Dies führt dazu, dass der Mensch vom Träumen schwerer abzulenken ist als vom intensiven Denken im Wachsein.

b) Schnelle und gleichzeitig kleine Hirnwellen im Traum weisen darauf hin, dass der REM-Schlaf von höher organisierten Hirnteilen gesteuert wird als der Non-REM-Schlaf, aber von funktionell niederen Hirnregionen als das Wachsein.

c) Die doch langsamere bioelektrische Hirntätigkeit während des Traums korreliert mit gewissen psychischen Ereignissen. Im Traum wird das erlebt, was im Wachsein außerhalb der Vorstellungskraft steht.

So weiß man heute einiges über den Zusammenhang zwischen Trauminhalt und EEG (Schredl).

Das EEG bei bizarren, sehr emotional geladenen Träumen ist anders als bei neutralen. Hohe Angst geht z.B. mit hoher Aktivität in bestimmten Hirnbereichen einher. Betroffen sind der occipitale Bereich und der zentrale Bereich (Motorik/Bewegung), außerdem der Frontallappen (Reflektieren).

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Abb. 7b: Oberflächenstruktur des Gehirns mit den wichtigsten Rindenfeldern (Nach Geschwind "Die Großhirnrinde", in: "Gehirn und Nervensystem", 9. Aufl., Heidelberg, Spektrum der Wissenschaft, 1988, S. 155)

Untersucht man den Zusammenhang zwischen geträumter Sprechaktivität oder geträumtem Zuhören und dem EEG, so stellt man fest, dass viel Sprechen im Traum eine Alpha-Blockade über dem Broca-Zentrum (das zuständig ist für das Sprechen) besteht und bei viel Hören eine Alpha-Blockade über dem sogenannten Wernicke-Zentrum nachzuweisen war. Die Alpha-Blockade wird dabei als Zeichen der Aktivierung der entsprechenden Bereiche verstanden.

Rasche Augenbewegungen im Traum (REM)

Rasche Augenbewegungen beobachtete schon Aristoteles bei Hunden. Aber erst 1953 (2000 Jahre später) wurden die Augenbewegungen objektiv erfasst. Die Augenbewegungen haben nun bestimmte Eigenschaften. An erster Stelle steht dabei das periodische Auftreten (Abb. 4). Zum ersten Mal treten sie rund 90-120 Minuten nach dem Einschlafen auf. In der ersten REM-Phase dauern sie etwa 10 Minuten. Sie wiederholen sich 3-5 mal in einer Nacht. An zweiter Stelle ist die sogenannte Episodik zu nennen. Hierbei treten sie gewissermaßen sal-venartig 4-20 Sekunden lang auf. Dazwischen liegen Pausen mit einer Dauer von ein paar Sekunden.

Zusammenhang zwischen REM und Trauminhalt

Die Augen scheinen sich in diejenige Richtung zu bewegen, in der die Traumszenen ablaufen. Spielte der Traum links vom Träumer, so bewegten sich die Augen nach links, bewegten sich Gegenstände, rollten auch die Bulbi hin und her. So beobachteten Kleitmann und seine Mitarbeiter einmal ein sehr schnelles Hin- und Herpendeln der Augenbulbi während einer REM-Phase. Geweckt, berichtete der Träumer, er habe von zwei Kollegen geträumt, die sich gegenseitig mit Tomaten beworfen hätten, genau vor ihm.

Es werden noch mehrere Beispiele angeführt. (siehe: Jovanovic S. 71)

Allerdings gibt es auch andere Befunde. Bei Menschen, die von Geburt an blind waren, fand man trotzdem rasche Augenbewegungen, ebenso bei Neugeborenen und Frühgeborenen, sogar bei frühgeborenen Kätzchen. Nachweislich sind zu diesem Zeitpunkt noch keine visuellen Vorstellungen vorhanden.

Diese Befunde sprechen eher dafür, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen raschen Augenbewegungen und der psycho-physischen Konstitution des Individuums besteht. So weist ein Mensch ständig spärliche, der andere immer lebhafte Augenbewegungen auf.

Weiterhin hat man festgestellt, dass sich in einer Nacht die REMs ändern. Während der eigentlichen Traumphasen haben sie eine hohe Frequenz. Und in Richtung Morgen werden die REMs schneller und häufiger.

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Abb. 8: Die Dichte der raschen Augenbewegeungen steigt von Traumphase zu Traumphase. Sie ist in der ersten (T1) am geringsten, in der vierten (T4) am ausgeprägtesten (eigene Darstellung) (aus Jovanovic S. 74)

Ob deshalb die Trauminhalte gegen Morgen zu intensiver als um Mitternacht werden, wissen wir noch nicht.

Zusammenfassend äußert sich Jovanovic wie folgt: "Die raschen Augenbewegungen sind jedem Individuum als eine vitale Funktion bei der Geburt mitgegeben. Diese vitale Funktion kann sich auch ohne äußeren Anlass ändern wie z.B. die Herz- und Atmungsaktivität. Bei der Herausbildung eines Trauminhaltes kann es bei einem intensiven Traum zu einer Synchronisierung dieser biologischen Vorgänge mit den Traumszenen kommen. Ist der Traum nicht intensiv oder hat er für den Träumer keine große subjektive Bedeutung, lässt er seine Augen in einem biologischen, wenig vom Trauminhalt abhängigen Rhythmus rollen."

Ergänzend sei hinzugefügt, dass optische (visuelle) Träume am häufigsten sind, dann folgen akustische Träume, darauf kinästhetische und taktile. Riech- und Geschmacksträume werden nur mit 1 % angegeben. Dass das visuelle System an Traumvorstellungen am stärksten beteiligt ist, liegt daran, dass es im Wachsein mit 90% an der Wahrnehmung unserer Umwelt teilnimmt.

Muskeltätigkeit und Muskeltonus um Traum (Elektromyogramm- EMG); Fall- und Flugträume

Fall- und Flugträume gehören nach der Auffassung der klassischen Psychoanalyse zur Gruppe der typischen Träume. Fallträume sind Angstträume: Wagt man sich zu weit vor, überschätzt man sich? Oder sieht man sich am Abgrund? Flugträume können auch als Wunschträume gedeutet werden, z.B. der Wunsch größer oder wichtiger zu sein als man ist.

Die moderne Neurophysiologie fand eine Tatsache, die die Fall- und Flugträume physiologisch zu erklären vermag. Unmittelbar nach dem Schlafengehen werden die Bewegungen des Schläfers seltener und schwächer. Im Tiefschlaf bewegt man sich kaum. Kurz vor der ersten Traumphase kommt es zum Umdrehen, zum Bequemmachen für "die Bühne des Traumes" wie Kleitmann sagt. Nach ein paar Bewegungen und 2-3 kräftigen Körperzuckungen tritt die Traumphase ein. Während dieser Traumphase treten keine oder nur ganz selten grobe Bewegungen auf, da durch Nervenzentren im Stammhirn der Muskeltonus unterdrückt wird. (siehe auch Abb.4)

Dagegen sind laufend feine Muskelzuckungen der Finger, Zehen und der Gesichtsmuskeln zu registrieren. Sie treten in Serien auf, und zwar synchron mit den Salven der raschen Augenbewegungen. Am Träumenden sieht man dann Lächeln, Grimassen, Verwunderung... Auf die 4-10 Sekunden andauernden Salven von Muskelentladungen folgen ebenso lange Pausen (Intervalle), in denen keine Muskelaktivität zu sehen ist. In diesen Intervallen geschieht etwas sehr Interessantes. Man fand nämlich heraus, dass der Muskeltonus in den Phasen des paradoxalen Schlafes (des REM-Schlafes) phasisch vollkommen verschwindet. Weiterhin erbrachten Versuche, dass die Muskulatur am Rücken während der Traumphasen sekundenweise abwechselnd mit den Muskelzuckungen ausgeschaltet wird. Die Fall- oder Flugträume können so auch neurophysiologisch erklärt werden. Wird die Muskulatur ausgeschaltet, träumt man, man falle. Schalten die Rückenmuskeln und damit die Nervi spinales (Rückenmarksnerven) kurzfristig ein, dann fährt oder fliegt man nach oben. Diese neurophysiologische Deutung kann man mit einer subjektiven Stellungnahme ergänzen, je nachdem ob der Träumer ein ängstlicher Mensch oder ein Draufgänger ist.

Neueste Untersuchungen mit dem Elektromyogramm belegen deutlich einen Zusammenhang zwischen Physiologie und Trauminhalten anderer Art. Muskelaktivität der Beine weist auf Laufen im Traum hin, Armaktivität z.B. auf Gitarrespielen. Auch das Sprechen im Traum korrelierte hochsignifikant mit der Sprechmuskelaktivität. Man hat auch festgestellt, dass negative Emotionen mit dem Senken der Augenbrauen einhergehen, positive dagegen mit dem Anheben der Mundwinkel (Schredl).

Die Händigkeit im Traum - Regression und Archetypen

Die Finger der linken Hand werden bei Rechtshändern zwei- bis dreimal häufiger als die rechten Finger der Hand bewegt. Im Traum sind sie Linkshänder. Echte Linkshänder werden im Traum zu Rechtshändern. Zur Erklärung wird vorrangig die Ermüdungstheorie herangezogen. Klassische Physiologen sprechen von der Ermüdung der Körperseite, die im Wachsein am meisten beansprucht wird. Die Körperseiten werden im Gehirn von den gegenseitigen Hirnhemisphären gesteuert. Ermüdet die rechte Körperseite, ermüdet die linke Hirnhemisphäre und umgekehrt. Da nach den erwähnten physiologischen Theorien sich die gegenseitigen Hemisphären sowie die entsprechenden Körperseiten im Schlaf erholen sollen, erscheinen die Linksbewegungen bei Rechtshändern und die Rechtsbewegungen bei Linkshändern.

Auch rein psychoanalytische Theorien können daraus erwachsen. So besteht nach Freud im Traum eine Regression. Jung spricht von Archetypen und meint Ähnliches. Der Mensch kehrt danach im Traum auf eine niedere Entwicklungsstufe , auf die Kindheitsstufe zurück. Und in der Tat finden wir bei Kindern keine richtige Händigkeit. Bis zum 4. Lebensjahr sind die Kindern in Bezug auf die Händigkeit ambivalent.

Psycho-vegetative Aktivitäten im Traum

Kurz vor dem Auftreten der ersten Traumphase steigt die Herzfrequenz plötzlich an und zwar manchmal höher als im Wachsein. In der ersten Traumphase (REM) ändert sie sich so gewaltig, dass man meinen könnte, die Person schlafe nicht, sondern renne. Die Herzfrequenz kann dabei schnell auf 90/Minute ansteigen und dann wieder auf 50/Minute abfallen, um ein paar Sekunden später wieder hoch anzusteigen. Nach Beendigung der ersten Traumphase sinkt die Herzfrequenz wieder ab. Vor der zweiten Traumphase (REM-Schlaf!) zeigt sich ein erneuter Anstieg usf.

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Abb. 11 (aus Jovanovic)

Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen aufregenden Träumen und unregelmäßiger Herzfrequenz. Starke Angstträume gehen mit einem Anstieg der Herzfrequenz einher. Die Atmungsfrequenz steigt in den Traumphasen allgemein. Sie ist weiterhin großen Schwankungen unterworfen, die innerhalb von Sekunden von einer maximalen Höhe zur maximalen Tiefe abfallen. Auch ist die Atmung in den Traumphasen oft periodisch schnell und flach, so wie Hunde an warmen Tagen atmen. Ebenso werden in unregelmäßigen Abständen Zustände von Atemstillstand beobachtet, die man wohl mit einem Schreck im Traum in Verbindung bringen kann. So berichtete eine Versuchsperson, die direkt nach einer kurzen Apnoe-Phase aus dem REM-Schlaf geweckt wurde: "Ich träumte, es war ein Theaterstück, eine Person wurde gewürgt. Und ich war der Schauspieler, der gewürgt wurde." (nach Hobson aus Schredl)

Sexuelle Reaktionen im Traum

Erektionen bei Männern laufen parallel mit den Traumphasen (REM-Phasen) ab. Die Erektionsstärke ist abhängig von der vegetativen Ausgangslage der Person. Männer mit einer niederen Herzfrequenz haben stärkere Erektionen. Sie sind auch stärker, wenn sexuelle Trauminhalte nachzuweisen sind, selbst dann, wenn sie in symbolischer Form vorhanden sind (nach Freud). Jovanovic (S. 85) führt mehrere Beispiele an, ich zitiere eines: "Ein 23-jähriger Mann berichtete, er habe im Traum eine Menge langer Fische gesehen sowie einen Hund, der mit dem Schwanz wackelte. Er habe sich über das Aussehen der Fische und den wackelnden Hundeschwanz amüsiert. Alles andere habe ihn nicht interessiert. Um ihn herum habe es geduftet. Auf einem Tisch neben ihm hätten Blumen gestanden." Die Erektion war bis zum Wecken außergewöhnlich stark.

Alle Beispiele und Befunde deuten darauf hin, dass die Erektionen im Schlaf einen vegetativen Charakter mit einer biologischen Periodik haben, dass sie jedoch durch psychische Faktoren positiv oder negativ beeinflussbar sind, so z.B. durch Angst.

Im Übrigen können auch bei Frauen Erektionen der Clitoris während der REM-Phasen beobachtet werden.

Die Erwärmung im Traum

Bei Mensch und Tier sind Anstiege der Körpertemperatur während der REM-Phasen festzustellen. Diese Temperaturunterschiede von 0,3 - 0,6 °C , wobei Anstieg und Fallen sich abwechseln können, spielen für den Trauminhalt eine große Rolle, weil Kälte und Wärme sich im Trauminhalt niederschlagen. Die Hauttemperatur ist von der unmittelbaren Umgebung abhängig und auch sie beeinflusst den Trauminhalt.

Einfluss externer Reize auf den Traum (Schredl)

Es ist bekannt, dass äußere Reize in das Traumgeschehen integriert werden. Mit folgendem Versuch hat man nun genauere Erkenntnisse gewonnen, wie unterschiedliche Reize in den Traum aufgenommen werden. Während der REM-Phase wird eine Versuchsperson stimuliert, wobei durch das mitlaufende EEG kontrolliert werden muss, dass die Person durch den Reiz nicht geweckt wird. Nach etwa 30 Sekunden wird die Person geweckt und nach dem erlebten Traum gefragt. In der folgenden Tabelle sind die Ergebnisse dargestellt.

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Abb. 12: Einfluss von externen Reizen auf den Traum (nach Schredl S.83)

Die Reize können direkt inkorporiert werden; dies bedeutet, dass der Reiz so wahrgenommen wird, wie er physikalisch dargeboten wird. So riechen z.B. Blumen im Traum nach Zitronen, die dargeboten werden. Reize können aber auch aufgenommen und weiterverarbeitet werden, also indirekt inkorporiert werden. Es wird angenommen, dass im REM-Schlaf die Informationsverarbeitung stattfindet. Noch wenig weiß man wie innere Reize wie Durst oder Blasendruck in den Traum integriert werden.

Die biologische Traumkomponente

Wächter des Schlafs

Nach Freud ist eine der Traumleistungen der Schutz des Schläfers. Durch die Traumarbeit wird der Reiz so umgewandelt, dass der Träumer weiterschlafen kann. Ein sehr gutes Beispiel für den Traum als "Wächter des Schlafs", in dem die Traumsymbolik des Schläfer vor dem Aufwachen schützt, ist bei Freud (1916) geschildert. Es stammt allerdings aus einem ungarischen Witzblatt und wurde von FERENCZI entdeckt und als brauchbar zur Illustration der Traumtheorie erachtet.

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Abb. 13a (aus Freud 1977)

Traum der französischen Bonne. Ein schlafender Knabe hatte ein Bedürfnis und wollte Hilfe, er schrie. Der Traum vertauscht nun das Schlafzimmer mit einem Spaziergang. Das Kindermädchen träumt, es ginge mit dem Kind spazieren. Nun wird gezeigt, wie der Junge an der Straßenecke steht und uriniert. Das Kindermädchen darf weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, der Junge schreit lauter. Je stärker er die Hilfeleistung des Kindermädchens fordert, desto mehr versichert ihr der Traum, dass alles in Ordnung sei. Der Urinstrom des Kindes wird immer größer, zu einem weiten Wasser, das erst einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff und dann einen großen Dampfer trägt. Als das Kindermädchen aufwacht, ist es schon zu spät. Der Knabe hatte schon das Bett eingenässt.

Bekannt ist, dass die Weckschwelle im REM-Schlaf stark erhöht ist.

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Abb. 13b: Der Traum als "Wächter" des Schlafes. Während der Traumphasen ist man nicht leicht weckbar, was an der Erhöhung der Weckschwelle gegenüber derjenigen im traumlosen Schlaf sichtbar ist (Zeichnung nach den Ergebnissen der Untersuchungen von Günther, Dissertation, Universität Würzburg, 1972) (aus Jovanovic)

Aber nicht nur Weckreizen gegenüber ist der Traum wirksam. Interessant ist, dass Epileptiker ihre Anfälle nicht in den Traumphasen erleiden, Schlafwandler immer außerhalb der Traumphase aufstehen, Bettnässer kaum in den REM-Phasen einnässen. Auch Sprechen und Schreien geschieht außerhalb der Traumphasen.

Die Freudsche These vom Traum als Wächter des Schlafs kann möglicherweise auch umgedreht werden. Folgende Befunde sind dabei interessant: Wenn man Versuchspersonen im Traumlabor daran hindert, in den REM-Phasen zu träumen, kam es in den darauffolgenden Nächten zu einem Anstieg der REM-Zeit. Außerdem wirkte sich der Traumentzug auf das Wachbewusstsein aus: Es kam zu Veränderungen, die man als Psychosen bezeichnen kann. Die Versuchspersonen äußerten ein triebhaftes dominantes Verhalten, Heißhunger, erhöhte aggressive und sexuelle Impulse. Damit ging eine verschlechterte Anpassungsfähigkeit in Form von Konzentrationsstörungen, Gedächtnisbeeinträchtigungen und Lernschwierigkeiten einher. Die Vermutung geht also dahin, dass Träumen die Funktion hat, das Selbst zu stabilisieren. Unabhängig von dem Bedürfnis nach Schlaf existiert somit offensichtlich eine Notwendigkeit zum Träumen. So könnte man Freuds Formulierung umdrehen: Der Schlaf ist der Hüter des Traums (Mertens).

Traum und Gedächtnis

Zur Orientierung braucht der Mensch mindestens drei elementare psychische Vorgänge: - Wahrnehmung - Behalten (Speicherung) und Reproduktion (Erinnern).

Das früh im Leben Erfahrene wird in der Literatur als Altgedächtnis, das neu Wahrgenommene als Neugedächtnis bezeichnet. Häufig kann man feststellen, dass Menschen mit zunehmendem Alter im Traum auf immer ältere Geschehnisse zurückkommen, da neue Eindrücke nicht mehr so gut gespeichert werden. Wilder Penfield, eine Neurologe aus Kanada, reizte unter Lokalanästhesie an der Innenseite des Schläfenlappens ein Gebiet mit einer elektrischen Sonde. Die Folge war, dass verschiedene Gedächtnis-Phänomene ausgelöst wurden. Wie bei einem Filmstreifen wurde über ein Erlebnis berichtet, das längst vergessen war. Eine anderer Neurologe konnte zeigen, dass es eine "verlorene" Zeit nicht gibt und dass der Mensch fast alle Erlebnisse seit seiner Geburt in die Erinnerung zurückrufen kann und wenn es auch nur im Traum ist.

In vielen Fällen werden die Träume vergessen. Die höchste Erinnerung ergibt sich, wenn man den Träumenden 20 Minuten nach Beginn der Traumphase weckt. Dann nimmt die Traumerinnerung immer mehr ab. Allerdings gibt es auch Träume, die niemals im Leben vergessen werden. Dabei zeigt sich, dass die emotionale Lage des Träumer eine große Rolle spielt.

Traum und Ontogenese

Die ontogenetische Entwicklung zeigt, dass die REM-Phasen bei Kindern anders gestaltet sind als die Traumphasen Erwachsener. Man hat detaillierte Untersuchungen von Frühgeborenen, Neugeborenen , Säuglingen und Kleinkindern gemacht und die Länge der Traumphasen untersucht. Man kann ersehen, dass die Traumphasen umso länger sind, je jünger das Individuum ist.

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Abb. 14: Mit zunehmenden Alter nimmt die Traumdauer ab. Der traumlose Schlaf verkürzt sich dagegen nur wenig. (aus Jovanovic)

Wie träumen nun Säuglinge und Kleinkinder? Man kann beobachten, dass die kleinen Schläfer lächeln, sich wundern, sich ängstlich zeigen, während Muskelentladungen, Herz- und Atmungsfrequenz entsprechende motorische und vegetative Korrelate aufweisen. Es gibt viele Anzeichen, dass bei diesen kleinen Schläfern eine Art von einfachen, primitiven Träumen vorhanden sein muss, das Visuelle spielt dabei so gut wie keine Rolle. Betrachten wir noch einmal die Abbildung. Wir haben festgestellt, dass je älter der Mensch ist, um so kürzer seine Traumphasen sind. Sie zeigt aber auch die Verkürzung des ganzen Schlafablaufes. Ein Neugeborener schläft 16 Stunden lang und hat die Hälfte Zeit für seine Träume, ein Erwachsener schläft nur 8 Stunden lang und hat nur noch 20-22% um Träumen zur Verfügung.

Bei den Hundertjährigen fällt auf, dass die verkleinerten Prozentsätze des Traumes umgerechnet auf die gesamte 24 Stunden-Periodik noch nicht aufhören. Es zeigt sich vielmehr eine Stabilisierungstendenz. Unter der Voraussetzung, dass der Mensch erst tot ist, wenn sein Traumanteil praktisch auf Null abgesunken ist, kann man annehmen, dass die heutige Lebensdauer des Menschen nicht die normale ist. Die Norm müsste danach zwischen 150 und 200 Jahren liegen.

Traum und Phylogenese

Schon lange sind uns Beschreibungen von Augenbewegungen im Schlaf bei Tieren bekannt. Hunde sind dabei am häufigsten beobachtet worden. Ihre Herren beschrieben, dass sie unter geschlossenen Augen die Bulbi rollten und leise im Schlaf bellten, als seien sie hinter einem Wild her. Schafe können mitten in der Nacht blöken, bei raschen Augenbewegungen.

Die Untersuchung der raschen Augenbewegungen ergab - allerdings handelt es sich dabei meist nur um Säugetiere - dass je älter die Tierart ist, umso länger ihre REM-Phasen sind. Die Länge der REM-Phasen korreliert aber auch mit dem Lebensalter des Tieres. So geben Lämmchen häufiger als erwachsene Tiere mitten in der Nacht Laute von sich als erwachsene Schafe, und zwar während der REM-Phasen. Weiterhin lässt sich vermuten, dass der Traumphasenanteil (REM-Phasenanteil) primär entstand und dass erst dann Schlafen und Wachen hinzukommen.

Die psychische Traumkomponente

Da Psyche und Physiologie eng zusammenhängen, möchte ich hier an dieser Stelle einige Worte zur psychischen Traumkomponente sagen. Einer der größten Verdienste Freuds ist es, dass er die Traumdeutung auf ein wissenschaftliches Niveau erhob. Nach Freud ist der Traum der Weg ins Unbewusste. Über die theoretischen Grundlagen der Traumdeutung herrscht allerdings noch Uneinigkeit. Ein paar Beispiele aus den Meinungsverschiedenheiten zwischen Freud und Jung sollen dies erläutern.

Sigmund Freud und Carl Gustav Jung

a) Laut Freud sind fast alle Träume Wunscherfüllungsträume. Jung dagegen schreibt den Träumen eine kompensatorische Funktion zu. Das Unbewusste zeigt uns im Traum alle vom Bewusstsein gehemmten Inhalte.

b) Der zweite Unterschied zwischen Freud und Jung liegt in der Bedeutung des Sexuellen. Freud misst den meisten Träumen eine sexuelle Bedeutung bei (Traumsymbolik). Angstträume sind nach Jung nicht als Folgen eines Konflikts zwischen unerlaubten sexuellen Wünschen und dem Gewissen zu deuten, sondern als Ausdruck von Tagesängsten, die den Träumer bis in den Schlaf verfolgen.

c) Der dritte Unterschied zwischen Freud und Jung liegt in der Deutung des manifesten Trauminhaltes und der latenten (verborgenen) Traumgedanken. " Der manifeste Trauminhalt ist der entstellte Ersatz für die unbewussten Traumgedanken, und diese Entstellung ist das Werk von abwehrenden Kräften des Ichs, Widerständen, welche den verdrängten Wünschen des Unbewussten den Zugang zum Bewusstsein im Wachleben überhaupt verwehren. Der Träumer erkennt dann den Sinn seiner Träume ebenso wenig wie der Hysterische die Beziehung und Bedeutung seiner Symptome." ( Freud 1949, S. 35 "Über Psychoanalyse", Wien). Jung sagt dagegen, dass der Traum das ausdrückt, was er meint. Er täuscht und verdreht nicht. Aber auch er deutet den Traum, wobei er das mythologische Motiv anklingen lässt. Träume liegen nach Jung jenseits der persönlichen Erfahrungen und des eigenen geistigen Horizontes; sie entstammen einer überpersönlichen Schicht unserer Seele, die wir nicht allein unser Eigen nennen, sondern mit allen Menschen gemeinsam haben: das kollektive Unbewusste. Seine Archetypen sind die vererbten Möglichkeiten des menschlichen Vorstellens, die ihre organische Entsprechung in den vererbten all-gemeinmenschlichen Hirnstrukturen haben. Sie erklären die Tatsache, dass gewisse Motive sowohl in den Mythen der Völker als auch in den Träumen einzelner Menschen immer wiederkehren.

Was sagen nun die modernen Traumforscher zu den verschiedenen Trauminhalten?

Angstträume

- Ängste treten auf, wenn die ersten Traumbilder erscheinen. Mit dem Beginn jeder Traum-phase befindet sich der Schläfer plötzlich irgendwo in einer fremden Welt und muss dann schnell denken und reagieren. Damit gehen Herz- und Atemfrequenzänderungen und Muskelzuckungen einher.

- Angstträume im eigentlichen Sinn des Wortes sind Träume über das Verfolgtsein, Fliehen, wilde Tiere.... Aber die ausgeschaltete Muskulatur erlaubt dem Träumer nicht, aufzustehen. Die Angst ist also zum großen Teil biologisch begründet.

- Symbolische Angstträume in Anlehnung an Freud. Der wahre Trauminhalt wird durch den manifesten Traum verhüllt.

Verlegenheitsträume

gehen mit peinlicher Beschämung einher. Einen möglichen Sinn kann man darin sehen, dass dieser Traumtyp uns auf die Einseitigkeit der Bewusstseinshaltung hinweist und Anstoß zur Korrektur gibt.

Wunschträume

können drei Erscheinungsformen haben:

1) Manifester Wunsch: Der Traum sagt das aus, was man sich wünscht.

2) Wunsch in symbolischer Form. Man träumt z.B. von Bergen, die man besteigt. Dieser Traumtyp muss einer Analyse unterzogen werden. Nach Freud sind z.B. auch sogenannte Trostträume Wunschträume.

3) Angst-Wunsch-Träume: Alle Ängste sind nur Wünsche; man wünscht sich etwas und hat Angst, diesen Wunsch nicht erfüllt zu bekommen.

In allen Fällen muss man unterscheiden zwischen dem objektiven Traum und der subjektiven Stellungnahme des Träumers dazu.

Zusammenfassung - Versuch einer Synthese

Heute weiß man, dass der Traum ein existentielles Gesamterlebnis ist.

Durch Experimente hat man herausgefunden, dass wir nicht nur im REM-Schlaf träumen, dass Träume sogar ohne jeglichen REM-Schlaf möglich sind. So träumen Menschen selbst dann noch, wenn es wegen Funktionsausfällen im Hirnstamm keinerlei REM-Schlafphasen mehr gibt.

Weiterhin zeigen Arbeiten, dass Traumentzug zu einem kompensatorischen Bemühen führt, den REM-Schlaf nachzuholen. Unabhängig von dem Bedürfnis nach Schlaf existiert somit ein Bedürfnis zum Träumen. Freuds These vom Traum als Hüter des Schlafs wird umgedreht zu der These: Der Schlaf ist der Hüter des Traums.

Heute versucht man den physiologischen mit dem psychologischen Bereich zu verknüpfen und eherne Neurophysiologen wenden sich einer psychoanalytischen Betrachtungsweise zu.

So hat der Neurophysiologe Hobson längst die Bedeutung von Träumen für unbewusste psychologische Vorgänge anerkannt. Wenn in Träumen ein Sinn oder ein Plan erscheine, so deshalb, weil den chaotischen neuronalen Signalen eine Ordnung aufgezwungen worden sei, in der sich dann unsere persönliche Sicht von der Welt widerspiegelt. Weiterhin stellt er die Hypothese auf, ob die Signale aus dem Hirnstamm vielleicht nur als Schalter fungieren, die von einer Traumepisode zur nächsten weiterleiten.

Der Münchner Traumexperte Franz Strunz hat die Korrelation zwischen der physiologischen und psychologischen Ebene erkannt und formuliert. Zwar benötigt das Träumen, wie jeder psychische Vorgang, ein physiologisches Substrat; umgekehrt ist es aber nicht möglich, dass aktivierte Neuronen Trauminhalte bestimmen. Auch von Mark Solms, einem Londoner Psychoanalytiker und Neurophysiologen wird die rein physiologische Betrachtungsweise als falsch und naiv zurückgewienen; es existiert zudem kein ein einzelnes physiologisches Traumzentrum. Weiterhin werden REM-Schlaf und Träume durch voneinander unabhängige Hirnvorgänge gesteuert. Die Untersuchungen von Mark Solms zeigen, dass Träume auf höheren psychischen Prozessen beruhen. Wer beispielsweise durch Schädigung bestimmter Bereiche des unteren Frontallappens in beiden Hirnhälften die Fähigkeit verliert, abstrakte räumliche Konzepte wie Nord und Süd zu verstehen, erleidet einen Totalausfall der Träume. Dagegen berichten Menschen mit Schäden der primären Bewegungszentren übereinstimmend, dass deren Funktionen wie Laufen, Springen in ihren Träumen unbeschädigt bleiben, während sie im Wachen ausfallen.

Und auch der eigentliche Trauminhalt wird psychologisch bedeutsam. Träumen ist wie Denken oder Fühlen ein hochkomplexes psychisches Phänomen, das lebenswichtige Funktionen erfüllt. So ergeben sich für Winson, einem New Yorker Neurobiologen, eindeutige Belege für die problemlösende Funktion des REM-Schlafs. Die evolutionsbiologische Begründung lautet wie folgt: Beim Menschen war eine Steigerung der Lern- und Gedächtnisleistung nicht mehr über eine Vergrößerung des präfrontalen Cortex möglich (vorderer Teil der Hirnrinde), da der Schädel auch an Volumen hätte zunehmen müssen und folglich nicht mehr durch den Geburtskanal der Mutter gepasst hätte. Aus diesem Grund entwickelte sich stattdessen als ein neuer Mechanismus zur Leistungssteigerung des Gehirns, der REM-Schlaf. Dieser Vorgang ermöglicht bei höheren Säugern und beim Menschen eine ungleich größere Informationsverarbeitungskapazität. Nur die Ausbildung des REM-Schlafs ermöglichte es, lebenswichtige Informationen in einem gesonderten Arbeitsgang erneut zu bewerten und mit früheren Erfahrungen abzugleichen.

Wilson erblickt in diesem Vorgang der Informationsabgleichung zwei Dinge:

1) In der individuellen Entwicklung gelernte Problemlösungsstrategien werden verarbeitet, unser Dasein im Träumen und Wachen wird ähnlich erlebt. Das Traumbewusstsein ist wie das Tagesbewusstsein hochkomplex, reflexive Selbstkritik oder Wahlentscheidungen kommen im Traum sogar häufiger vor. Traum-Ich und Wach-Ich sind identisch und Freuds Vermutung, dass Wünsche die Triebkräfte der Träume sind, wird nicht mehr belächelt.

2) Auch unsere tierischen Vorfahren spielen eine Rolle. Für diese Annahme spricht u.a., dass uns in unseren Träumen Fähigkeiten zur Verfügung stehen, über die wir als Menschen nicht mehr verfügen, wie z.B. das Fliegen.

Stevens weist in diesem Zusammenhang auf einen weiteren evolutionären Faktor hin. Der Mensch, der sich vor etwa 4-5 Millionen Jahren aus den Menschenaffen entwickelte, verarbeitet im REM-Schlaf in höherem Maße vielgeschichtige und differenzierte Problemlösungen als die höheren Säugetiere, die wesentlicher festgelegter sind durch artspezifische Instinkte und eher im Rahmen von Überlebensfunktionen träumen. Nur noch gelegentlich tauchen archertypische Grundmuster aus dem kollektiven Unbewussten auf, das uns an unsere Herkunft von den Primaten erinnert. Jungs Konzept der Archetypen wäre wissenschaftlich damit rehabilitiert.

Und was ist mit Telepathie und anderen übersinnlichen Traumzuständen?

Noch Jovanovic (1974) schreibt: "Die Bedeutung der Zukunft im Traum ist höchst umstritten. Zukunftsvisionen sind mit den naturwissenschaftlichen Resultaten nicht in Einklang zu bringen." Danach lassen sich auch die schöpferischen Leistungen leicht erklären und haben nichts Übersinnliches an sich. Wenn Mendelejew das Periodensystem der Elemente im Traum gesehen haben soll, Kékulé den Benzolring geträumt haben soll, Beethoven einige seiner Werke im Traum gehört habe, dann müsste man nach Jovanovic berücksichtigen, dass diese Menschen sich ständig mit ihrem wissenschaftlichen Problem beschäftigt haben und dass dies Eingang in den Traum gefunden hat.

Aber heute lächelt man nicht mehr über die Prophetie im Traum. Schredl erkannte nach der Analyse Tausender Träume, dass Träume prinzipiell prophetisch sein können und die Zeitachse überblicken können.

Im Januar 2001 Dr. Angelika Weiß-Merklein


Literatur:

  • Freud, S.: Über Psychoanalyse, Wien 1949
  • Freud, S.: Die Traumdeutung, Frankfurt 1977
  • Focus vom 4. Dezember 2000, Nr. 49
  • Jovanovic, U.I.: Schlaf und Traum, Stuttgart 1974
  • Julien, R.M.: Drogen und Psychopharmaka, Heidelberg und Berlin 1997
  • Mertens, W.: Traum und Traumdeutung, München 1999
  • Psychologie heute, Oktober 1998, 25. Jg., Heft 10
  • Schredl, M.: Die nächtliche Traumwelt, Stuttgart, Berlin, Köln 1999



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